Soziale Netzwerke

Ich teile einen Link samt Titel auf einem sozialen Netzwerk und irgendwelche selbst ernannten Weltretter versuchen mich aufgrund dieses einzelnen Beitrags einzuordnen bzw. in eine klischeebeladene Schublade zu stecken. In der Regel geschieht dies aus der eigenen persönlichen Perspektive, die meist (aber nicht immer) von Feindbildern bestimmt wird. Obwohl keine eigene und klare Meinung dem geteilten Beitrag hinzugefügt wurde, besteht der Gegenüber darauf, zu wissen, wer man sei oder was für eine Einstellung man diesbezüglich oder weitergehend habe. Reicht ein einziger Beitrag aus, um einen Menschen als Rechtsextremisten, Islamisten oder als sonstige verirrte Seele zu beschreiben? Reicht das sogar als Grundlage und Beleg, um durch Interaktion und Übertreibung die Karriere von Menschen zu gefährden oder gar zu beenden?

Vielen gefällt das nicht, aber es ist mittlerweile ziemlich stark belegt, das einfache User Dinge teilen, die meist ihrem eigenen Weltbild entsprechen. Obwohl die Theorie der Filter-Bubble umstritten ist, ist sie doch oft auch belegbar. Das bedeutet in der Folge auch, dass man durchaus nur anhand von geteilten Dingen eine Fremddefinition dieser Personen vornehmen kann, die der Realität durchaus sehr nahekommen kann. Man kann anhand des Verhaltens in sozialen Netzwerken, anhand der Dinge, die geteilt werden, eine Zuordnung vornehmen und sie wird vermutlich richtig sein. Sie wird vor allem in der Masse oft richtig sein. Weil das Nutzerverhalten vieler Menschen einfach gleich ist. Das hat aber auch mit den Kulturen der sozialen Netzwerke zu tun. Sie legen die Grundlagen für eine Masse an Handlungsweisen, die uns oft gar nicht mehr bewusst sind.

Liken – Soziale Netzwerke ändern unsere Kultur

So hat Facebook die Kultur des Befürwortens (Like) etabliert. Wirklich einen Ausdruck von Wut in diesem Netzwerk zu verbreiten ist nur durch eine längere Angabe eines Textes über das geteilte Element möglich. Nutzer die beispielsweise nur einen Link teilen, ohne weitergehende Informationen und Text, müssen damit rechnen, dass Ihnen der Inhalt in dem Link zugerechnet wird. Das kann sogar dahingehend so sein, dass Inhalte die problematisch sind, dem Nutzer angelastet werden können. Dass das ein Trugschluss sein kann, ist leider schwierig zu untermauern. Es macht jedenfalls keinen Sinn auf Facebook darauf zu hoffen, dass die eigenen Freunde schon verstehen werden, dass man mit dem Inhalt des Links nicht konformgeht. Man muss es aktiv auch ansagen.

Interessanterweise gibt es auch Studien, die aufzeigen, dass es eine Spirale des Schweigens in sozialen Netzwerken gibt. Dabei lassen sich Nutzer vermehrt in ihrer Meinung von Außenstehenden definieren und dominieren. Dies tritt insbesondere bei brisanten, gesellschaftlich umstrittenen und häufig auch im eigenen sozialen Umfeld nicht anerkannten Themen auf. Ebenso gibt es auch Denkverbote, die – auch in Deutschland – Gang und Gäbe sind. Bestimmte Dinge dürften allein schon deshalb nicht behauptet und verbreitet werden, weil sie strafrechtlich verfolgt werden können. Auf der anderen Seite gibt es hingegen viele Themen, die zu sozialer Isolation führen können. Kritik an Inhalten, die geteilt wurden, kann auch Selbstzensur als Folge haben.

Faven und Retweets – Das neue digitale Herzen

Ein anderes Netzwerk für meine Betrachtung ist Twitter. Der Kurznachrichten-Dienst hat uns gelehrt, die Dinge zu faven. Dabei vergeben wir heute keine Sterne mehr für interessante Tweets oder Inhalte, wir verteilen ganz selbstverständlich – trotz starker Kontroverse bei der Einführung – Herzchen. Damit geben wir – egal ob bewusst oder unbewusst – zu verstehen, dass man sich mit Inhalten identifiziert. Auch wenn es User gibt, die die Funktion nur für ihre Bookmarks verwenden. Die Herzchen geben einen Eindruck von Liebe auf dem Netzwerk wieder.

Und wenn man auf Twitter eine Nachricht teilt, dann kann es sein, dass man von irgendwelchen Leuten dumm angemacht wird, warum man denn so denke. Erst kürzlich hatte ich – dieser Fall sei beispielhaft erwähnt – einen Nachrichtenbeitrag, samt unverändertem Titel, zum Thema Kopftuchverbot geteilt. Ich fand den Inhalt interessant, weil es um eine rechtliche Bewertung des Neutralitätsgebots in Berlin ging. Mir wurde aber in der Folge vorgeworfen, ich habe etwas gegen die Neutralität des Staates und sei ein Kopftuchbefürworter. Das es in dem Text um Fremd- und Eigen-Wahrnehmung ging, interessierte nicht. Konsequenz: Ich habe die Person blockiert.

Schon das Folgen und Freundschaften können Probleme ergeben

Weitere ähnliche Erfahrungen und Probleme ergeben sich in dem Feld der Freundschaften und dem Folgen. Wer einer bestimmten Person auf Twitter folgt, oder wer bestimmte Personen auf Facebook zu seinem Freundeskreis hinzufügt, kann durchaus Probleme bekommen. Davon sind Politiker genauso wenig ausgenommen, wie Otto-Normal-Nutzer. Es wird automatisch angenommen, dass ein Folgen oder Freundschaften auf sozialen Netzwerken auch eine Identifizierung mit Inhalten bedeuten. Dabei ist das Prinzip der sozialen Netzwerke deutlich anders gelagert, als es „Gutmenschen“ verstehen können. Es gibt durchaus gute Gründe auch den falschen Leuten zu folgen oder falsche Freunde zu haben.

Ein Beispiel das ich immer wieder gerne anführe: Es geht auch um Beobachtung und Interaktion. Es geht auch um Verständnis, Empathie und Gegenstrategien. Das lässt sich am einfachsten vermutlich anhand des Faktors „Präventionsarbeit“ aufzeigen. Ich folge beispielsweise auch Seiten und Accounts, die Propaganda für „islamistische“ oder terroristische Organisationen machen. Das dient zum einen dazu, sich ein umfassendes Bild über die grundsätzlich vernachlässigte und oft nicht ausreichend beobachtete Szene zu verschaffen, zum anderen aber auch um Strategien der Akteure besser einzuordnen und frühzeitig zu erkennen.

Solche Screenings sind in vielen Berufsfeldern nötig und geschehen täglich. Dabei muss es nicht mal um Gefahren gehen. Ein Grafik-Designer wird sich beispielsweise immer auch anschauen, was Konkurrenten auf dem Markt abliefern. Ein Marketing-Manager muss immer wieder schauen, welche Influencer er als nächstes für Werbekampagnen beauftragen könnte oder sollte. Es kann sich dabei aber auch um eine Freizeitbeschäftigung handeln, weil man ein Hobby verfolgt. Ich kenne Leute, die beispielsweise Pharmaunternehmen und ihre Tätigkeiten sehr genau verfolgen, weil sie sich für Tierschutz engagieren.

Berufliche Konsequenzen sind nicht ausgeschlossen

Dennoch könnte Jemand, der einzig aufgrund der Liste an Follows und Freundschaften eine Zuordnung vornehmen möchte, Menschen eindeutig falsch zuordnen. Denn ein „Hobby“ ist letztlich kein Auftrag von gesetzlicher oder beruflicher Seite. Es ist daher immer mit einem solchen Szenario zu rechnen. Und es passiert auch sehr häufig. Jedenfalls häufiger als man gemeinhin annimmt. Es kann aber auch Leuten passieren, die, weil sie in einem bestimmten Umfeld ihr täglich Brot verdienen, ins Visier geraten. Es sei an dieser Stelle auf die Vorfälle beim Violence Prevention Network hingewiesen. Die Daten-Basis für die (mittlerweile als unbegründet befundenen) Vorwürfe, waren letztlich Daten und Einträge auf sozialen Netzwerken, die in einem Blog erstmals thematisiert wurden.

Jetzt könnte man meinen, es wäre entweder naheliegend nur Dinge zu teilen, mit denen man sich identifiziert oder aber sich komplett zurückzuziehen aus den Netzwerken. Das ist einfach gesagt, doch tatsächlich kann es sehr viel Sinn machen, Debatten allein schon dadurch anzustoßen, dass man Inhalte teilt, mit denen man sich kaum oder nur teilweise identifiziert. Das bringt auch Abwechslung in eine homogene Inhalte-Basis. Interessant wird dabei auch der Einblick in Ansichten von Außen. Das kann selbst einen aus der Wohlfühlzone holen und andere mit dazu begeistern, es sich eben nicht gemütlich zu machen. Das ist es, was ich z. B. sehr gerne, und durchaus provokativ auf Twitter mache.

Auf der anderen Seite sind sich viele über die Konsequenzen von Einträgen auf sozialen Netzwerken gar nicht bewusst. So kann eine Beleidigung eines Lehrers auf einem sozialen Netzwerk durchaus zu strafrechtlicher Verfolgung eines Schülers führen. Das Treffen eines Islamfunktionärs mit hochproblematischen Personen durchaus den Stopp von Fördergeldern bedeuten.  Auch kann der privat geäußerte Kommentar über den eigenen Chef ein Kündigungsgrund sein. Unglaublich aber wahr: Vor einiger Zeit wurde ein junger Azubi in einer Firma gefeuert, weil er an einer Demo teilgenommen hat, die dem Vorstandsvorsitzenden einer großen Firma nicht gefallen hat. Die Kündigungsschutzklage hatte zwar Erfolg, aber der junge Mann musste trotzdem seinen Job aufgeben, weil er mit dem anschließenden Mobbing nicht zurecht kam.

Ein völliger Entzug aus den sozialen Netzwerken ist meist undenkbar

Es wird dann oft gefragt: Warum seid ihr überhaupt Online? Das sich völlige entziehen aus den sozialen Netzwerken kann – muss aber nicht – sehr negative Begleiterscheinungen haben. Zum einen verliert man womöglich die Kontakte, die man sonst gerne hatte und die einen auch immer wieder auf aktuelle Themen und Veranstaltungen hingewiesen haben. Zum anderen können durch das Abschalten von Accounts und fehlenden Netzwerken bereits Inhalte für Recherche und Co. verloren gehen. Das Schlimmste ist aber für Jemanden, der sich über die sozialen Netzwerke quasi auch die Geschäftskontakte akquiriert. Beispielsweise schreibe und teile ich gerne meine Blog-Beiträge in diversen Netzwerken. Das hilft mir auch bei der Kundenanbahnung für private Aufträge – egal ob durch Firmen, Behörden oder schlichtweg Redaktionen. Ohne soziale Netzwerke können bestimmten Dinge gar nicht funktionieren.

So habe ich erst letzten Monat über verschiedene Kontakte und deren Kontakte verschiedenste Anfragen erhalten. Mal ging es um ein Interview, mal um eine Einschätzung zu einer gewissen Sicherheitslage, mal um einen Text-Abdruck in einer bekannten Zeitung oder sogar um den Vorschlag für ein Buchprojekt bei einer Agentur. Solche Kontakte und auch der Abschluss von diversen Aufträgen, wären ohne soziale Netzwerke und Bekannte, die andere Bekannte haben, die Jemanden suchen wie mich, undenkbar gewesen. Das kann sich dann auch finanziell lohnen, wenn man zu allem Ja sagt, was einem vorgelegt und vorgeschlagen wird. Der Entzug wäre somit auch aus finanzieller Sicht, durchaus kritisch zu beachten. Es bleibt aber oft die Frage, ob man überhaupt einen Entzug machen kann, wenn die komplette soziale Interaktion quasi virtualisiert wurde. Wer ein funktionierendes Leben außerhalb der Online-Welt hat, kann einen Entzug auch leichter vornehmen.

Mehr Miteinander reden als in Schubladen stecken

Es bleibt letztlich nur der Hinweis: Man sollte genauer hinschauen, bevor man Menschen aufgrund von Inhalten, die sie teilen, zuordnet und in Schubladen steckt. Oft kann es durchaus so sein, dass das Bild, das man hat, bestätigt wird, manchmal kann man aber mit einem falschen Eindruck einem Menschen unnötig schaden. Insbesondere deshalb brauchen wir auch einen gelasseneren und sanfteren Umgang. Sonst verschwindet alles viel zu schnell und in einer schnelllebigen Gesellschaft geschehen auch entsprechend schnell viele Fehler. Ein Punkt, dem wir heute auch dem Journalismus anlasten, der versucht bei den Themen immer als Erstes zu berichten, dabei aber seine Sorgfaltspflicht verletzt.

In manchen Fällen hilft es aber auch, einen einfachen Trick anzuwenden. Man fragt die Person, von der man meint einen negativen Eindruck gewonnen zu haben. Manchmal hilft das auch dabei Missverständnisse aufzuklären.

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