Muslime beim Gebet in einer Moschee in Hannover
Muslime beim Gebet in einer Moschee in Hannover © Akif Şahin

Ich hatte vor ein paar Monaten bereits über die Idee für Jugendimame geschrieben. Die Resonanz war eher Mau. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Anträge diverser Gruppen, die jetzt versuchen die Idee „Jugendimam“ weiterleben zu lassen. Das hängt jetzt auch in einzelnen Bundesländern vom Förderwillen der staatlichen Stellen ab. Ich drücke den Leuten dafür stark die Daumen, weil die mir vorliegenden Informationen zu den Projekten durchaus interessant und positiv sind. Ich bin da auf die Entwicklungen gespannt. Natürlich ist das aber nur ein Baustein in einer Reihe von Ideen, für eine neue Richtung in der Islam-Debatte. Muslimische Organisationen und Gruppen zu stärken und sie stärker in die Gesellschaft einzubinden, kann auch über andere Wege geschehen. Es gibt auch eine weitere Idee, die ich schon seit einigen Jahren immer wieder thematisiere: Islambeauftragte. Im Folgenden möchte ich meine Sicht der Dinge zum Thema darstellen und hoffe auch hier ein paar Ideen, gerade im politischen Diskurs, anzustoßen.

Der gesellschaftliche Wandel aus den vergangenen Jahren bzw. Jahrzehnten hat dazu geführt, dass es heute mehr eine Personifizierung in der Politik gibt. Das sehen wir auch an den Ergebnissen von Wahlen, die oft nicht mehr themen- sondern personenbestimmt mit Resultaten aufwarten. Ein Grund dafür, warum Trump erfolgreich sein konnte, aber auch die Grünen in Schleswig-Holstein. Zwar ist die Personifizierung nicht unbedingt ein Segen, aber man kann aus ihr heraus auch eigene Schlüsse ziehen. So gehört für mich auch zur Debatte, ob man endlich anfangen sollte in den Regierungen, sei es auch nur mit einem kleinen Amt, einen Islambeauftragten bzw. Islambeauftragte zu installieren.

Islambeauftragte als Anlaufstelle

Die Debatte darum, stellt sich aus meiner Sicht durchaus – obwohl sie auch Risiken birgt. Dabei finde ich, sollte man jedoch eher einen Schritt wagen und sich später entschuldigen, als erst um Erlaubnis zu fragen und Entwicklungen einfach so hinzunehmen. Ein Islambeauftragter bzw. eine Islambeauftragte könnte als erste Anlaufstelle für Anliegen mit dem Thema Islam aufgebaut werden. Zu den Aufgaben würde gehören, dass man als Ansprechpartner für alle Bürgerinnen und Bürger fungiert, die ein Anliegen zum Thema Islam bzw. Muslime haben. Gleichzeitig könnte eine solche Stelle auch eine Rolle übernehmen, in der es auch um den Dialog mit institutionalisierten Gruppierungen muslimischer Prägung geht.

Als Beispiel könnte eine Islambeauftragte, allein schon durch ihren Namen und ihre Position und mit entsprechender Ausstattungen für alle Bürgerinnen und Bürger eine Anlaufstelle bieten, bei der es um Fragen wie Prävention, Deradikalisierung aber auch Moscheebau und muslimisches Leben geht. Stellen Sie sich beispielsweise eine vermittelnde Kraft vor, die bei einem geplanten Moscheebau den Dialog zwischen Bürgerinnen und Bürgern und Bauherren lenkt und begleitet. Manche Missverständnisse könnten so gleich verhindert werden. Gerade eine vermittelnde Rolle zwischen Bürgerinnen und Bürgern und Mitbürgerinnen bei Islam-Fragen könnte durchaus eine interessante Herausforderung und auch Mehrwert sein. Ein Islambeauftragter oder eine Islambeauftragte könnte aber auch eben dazu da sein, die muslimischen Gemeinschaften als direkter Ansprechpartner bei ihren Anliegen zu betreuen.

Islambeauftragte würden sich betreuend aber auch fördernd einbringen

Nehmen wir nur an, dass ein runder Tisch Islam mit allen muslimischen Gruppierungen gegründet wird – wobei keine Gruppe ausgegrenzt werden sollte – so wäre dies mit einem direkten Ansprechpartner wirkungsvoller und interessanter, als der Dialog, der in der DIK geführt wurde. Weil man auf lokaler Ebene die Probleme bespricht, kann man auf gleicher Ebene die Problemlösungen auch finden und eventuell sogar selbst organisieren. Interessanter dürfte aber sein, dass durch eine entsprechende finanzielle Ausstattung, die Finanzierung und Förderungen von Bewegungen gleich mitgestaltet werden könnte, ohne dass dafür irgendwelche anderen Organisationen herhalten müssten.

Es wären primär integrative, religionsrechtliche und vor allem finanzielle Betreuungen und Förderungen möglich. Dabei könnte die Islambeauftragte oder der Islambeauftragte mit seiner Arbeit auch besser zu einem Verständnis dafür sorgen, was der Staat eigentlich will, und was die Gemeinschaften wollen. Oftmals ist es weiterhin so, dass auf lokaler Ebene viel zu oft das Gespräch mit den Muslimen nicht stattfindet, oder dass das Gespräch nur selektiv erfolgt. Hinzu käme eine Berichtspflicht, die dafür sorgen könnte, dass auch mehr Transparenz in die Arbeit der Gemeinschaften herangetragen werden könnte.

Wir brauchen mehr Staat, weniger Parteien und Stiftungen

Natürlich ist eine solche Position flexibel gestaltbar, ich sehe es allerdings als katastrophal an, dass die größeren Kirchen beispielsweise solche Positionen in bestimmten Ländern bereits vorhanden haben, während sich die Regierungen damit schwertun. Gleichzeitig scheint man sich in den Ländern beim Thema Islam gerade auf den Bereich der Sicherheit fixiert zu haben. Wir brauchen aber mehr und nicht unbedingt eine Ansiedlung aller Islam-Fragen bei den Sicherheitsbehörden, wie dem Verfassungsschutz oder den LKAs. Eine Islambeauftragte bzw. Islambeauftragter könnten gerade diese Lücke, die insbesondere im Bereich der Integration aufklafft, ausfüllen. Was aber hier nicht passieren darf, und da sehe ich durchaus eine Gefahr, ist die Verschiebung dieser Aufgabe auf externe gesellschaftliche Akteure. Hier spielen vor allem Interessen eine Rolle.

Wenn der Staat durchaus seine Interessen vertreten sehen will, darf er die Arbeit im Bereich des Islam nicht von Förderungen durch Parteien oder Stiftungen abhängig machen. Gleichzeitig muss der Staat auch neutral bleiben. Es darf nicht sein, dass man sich selbst den eigenen Islam bastelt. Hier geht es – aus meiner Sicht darum – die Verbände, gerade in diesen schwierigen Zeiten, mitzunehmen auf die Reise und daran zu arbeiten, dass wir es mit echten Religionsgemeinschaften und womöglich Körperschaften des öffentlichen Rechts zu tun haben. Gleichzeitig kann man durch gezielte Förderung auch eine Antwort auf dringende Vertretungen und Selbstorganisation von Muslimen liefern.

Mehr Dialog wagen, mit der Stelle des Islambeauftragten

Ich sehe hier modellhaft auch immer das Projekt JUMA (Jung, muslimisch, aktiv – aus Berlin) vor Augen. JUMA wäre ohne die Initiatoren und Unterstützung durch den Senat, insbesondere nicht ohne die Arbeit von Sawsan Chebli, entstanden und hätte nicht so viel bewirken können. Dabei ist es längst zu einer Art Sprachrohr von jungen Muslimen geworden, die fernab von den Verbänden durchaus interessante und wichtige Arbeit leisten und so auch den jungen Muslimen, die man in aktuellen Debatten nicht sieht, eine Stimme geben. Die Inklusion und auch die Partizipation klappt hier ganz gut. Sie ist aber eben nur auf Berlin und dieses Projekt beschränkt.

Auf anderer Ebene sehen wir Probleme. Diese lassen sich auch nicht durch das bisherige Vorgehen vermeintlicher Anerkennung von Religionsgemeinschaften (Siehe Hamburg und Bremen) beheben. Sie verschieben eher die Probleme und es gibt nur für eine Weile Ruhe. Außerdem sieht man gerade in beiden Ländern – auch aus der Erfahrung heraus – dass der Dialog überhaupt gar nicht zu funktionieren scheint. Oder wann haben Sie zuletzt etwas über Gespräche zwischen Senat und Verbänden gelesen? Parlamentarische Anfragen aus der Opposition zeigten das Problem, wenigstens für Hamburg, ziemlich stark an. Es gibt keine direkte Kommunikation. Oftmals weiß man auch weiterhin nicht, was da eigentlich in den Gemeinden passiert, die man eigentlich mit anerkannt hat.

Der Staat muss klären, was er erreichen will – Zurzeit weiß er es nicht

Die Frage, die sich für mich stellt ist und bleibt, ob man als Staat wirklich ein Interesse daran hat, dass der Islam in Deutschland beheimatet ist und wie man diese Beheimatung fördern will. Wenn dies klar ist, dann fehlt es an Geldern und Positionen in den eigenen Reihen der Regierungen. Jedenfalls wäre viel geholfen, wenn statt einer ausgrenzenden, eine integrative Politik sich direkt mit einer klaren Anlaufstelle für Muslime und Islam-Fragen anbietet. Das würde aber auch nur dann funktionieren, wenn die klammen Regierungen Geld in die Hand nehmen und auch mal etwas ausprobieren, statt in einer ziemlich starren Lage zu verweilen, die alle Seiten nicht weiterbringt.

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