„Was ist unser Verständnis von Dawa?“ – Eine Frage, die ich immer wieder gerne in meinen Vorträgen einbaue. Erst recht, wenn das Publikum aus jungen Menschen besteht. Die Frage ist herausfordernd und zugleich aufweckend. Sie setzt voraus, dass das Publikum sich mit den Fragen um Tabligh (Verkündigung) und Dawa (Einladung) beschäftigt hat. Gleichzeitig ist die Frage auch eine Erinnerung für das Gedächtnis: Ein Islam ohne Dawa ist nicht komplett. Doch hier tun sich dann auch viele Fragen auf. Geht es um Mission? Worin unterscheiden sich die verschiedenen Richtungen beim Thema Dawa? Was ist ein guter Ansatz für Muslime in Deutschland für eine zeitgemäße Dawa? Was ist die Dawa, die von den Verbänden (insbesondere von der IGMG) vertreten wird?

Auf all diese Fragen will ich heute gar nicht eingehen. Sie sind gestellt, der geneigte Leser kann sich entsprechend mit der Thematik beschäftigen und nach Antworten diesbezüglich suchen. Mir geht es um einen anderen Punkt, der aber mit diesen Fragen zu tun hat. Was ist der Unterschied zwischen Muslimen auf dem richtigen Pfad und den Muslimen, die auf dem falschen Pfad sind? Die Antwort lautet: Diejenigen, die einfach Menschen in die Hölle schicken wollen.

Die Geschichte von Hakem bin Keysân (ra)

Wie ich darauf komme? Nun, es gibt eine ziemlich bekannte Geschichte aus der Prophetenbiographie, die aus meiner Sicht oft in Vergessenheit gerät. Es ist die Geschichte von Hakem bin Keysân (الحكم بن كيسان) (ra). Es gibt nicht viele Geschichten zu diesem Prophetengefährten. Er verstarb bei einem Komplott gegen die Muslime. Doch, wie er den Islam angenommen hat und unter welchen Bedingungen, ist lehrreich und sollte uns zu denken geben.

Hakem bin Keysân (ra) wurde nach einem Angriff auf eine Karawane der Mekkaner (es war die erste dieser Art) bei der Flucht festgenommen. Zu dieser Zeit hatten die Muslime aus Medina gerade erst begonnen gegen die Tyrannen aus Mekka aktiv vorzugehen. Es gehörte dazu, die wirtschaftliche Macht der mekkanischen Polytheisten, die viele Neu-Medinenser aus ihren Häusern vertrieben, stigmatisiert und angegriffen hatten, zu schwächen. Bei quasi dem ersten dieser Angriffe fiel Hakem bin Keysân (ra) nun als Kriegsgefangener den Muslimen in die Hände. Sie brachten ihn nach Medina, in die Prophetenstadt.

Unter den Gefangenen war auch Uthman bin Abdullah bin Mugira der sich von seiner Gefangenenschaft freikaufte und wieder zurück nach Mekka ging. Hakem bin Keysân (ra) konnte sich hingegen nicht freikaufen. Er wurde zum Propheten Muhammad (saw) geführt und die Gefährten um den Propheten fingen bereits an, verstärkt seinen Kopf zu fordern. Der Prophet (saw) und Allah (swt) hatten jedoch andere Pläne für Hakem bin Keysân (ra). Muhammad (saw) lud ihn zum Islam ein. Er forderte Hakem bin Keysân (ra) dazu auf, den Islam anzunehmen. Er sprach mit ihm und redete längere Zeit auf ihn ein. Tabligh und Dawa.

Umar (ra) verlangte die Hinrichtung

Es ist überliefert, dass der Prophetengefährte und spätere zweite Kalif, Umar (ra), anders als der Prophet (saw) den Kopf von Hakem bin Keysân (ra) forderte. Es wird sogar berichtet, dass Umar (ra) dem Propheten vorwarf seine Zeit zu verschwenden. Hakem bin Keysân (ra) würde laut Umar (ra) nicht den Islam annehmen. Doch der Prophet (saw) hörte nicht auf den Rat seines Freundes. Er sprach weiter mit Hakem bin Keysân (ra), bis dieser sich tatsächlich und aufrichtig dazu entschloss Muslim zu werden. Umar (ra) war aufgrund dieser Entwicklung beschämt. Der Prophet (saw) wies seine Gefährten hingegen an diesem Beispiel darauf hin, dass es keine Kunst sei, die Menschen in die Hölle zu schicken. Nach muslimischer Auffassung wäre Hakem bin Keysân (ra) dort gelandet, hätte er nicht den Islam für sich als Wahrheit und Religion angenommen.

Hakem bin Keysân (ra) starb später als Märtyrer bei einem Komplott gegen die Muslime. Doch er hatte eine ehrenwerte Aufgabe erhalten, die nur Umar (ra) bewusst geworden war. Wann immer Umar (ra) Hakem bin Keysân (ra) begegnete, sagte er: „Hätte man auf mich gehört, dann würde dieser Mensch jetzt in der Hölle sein.“ Es war eine der schwersten und besten Lektionen für den späteren zweiten rechtgeleiteten Kalifen. Hakem bin Keysân (ra) ist hingegen der erste Kriegsgefangene und zugleich derjenige, der als erster Kriegsgefangene den Islam angenommen hat. Er genießt daher auch eine besondere Stellung, aber wie gesagt, es ist deutlich weniger über ihn bekannt, als über andere Prophetengefährten (ra).

Lektion für uns Muslime in der Moderne?

Doch was hat diese historische Begebenheit mit uns und den heutigen Islam-Strömungen zu tun? Wir können dies aus zweierlei Hinsicht betrachten: Zum einen können wir diese Geschichte zum Anlass nehmen und Terror-Organisationen, aber auch andere extremistische Organisationen, für ihr Menschenbild kritisieren. Am Beispiel dieser Begebenheit und der Reaktion und Beharrlichkeit des Propheten (saw) sehen wir sehr gut, wieso all diese Gruppen, ob sie nun Daesh oder anderswie heißen, falsch sind. Wir sehen sehr gut, warum sie islamisch gesehen zu verurteilen sind und warum sich ihre Dawa völlig von unserer Dawa unterscheidet. Es sollte um Aufrichtigkeit im Glauben gehen. Darum geht es aber diesen Organisationen allesamt nicht.

Zum anderen können wir aber auch aus dieser Geschichte die Frage ableiten, inwiefern wir in unserem Alltag Menschen dazu anstiften sich für die Hölle zu entscheiden, statt für die Wahrheit und Glückseligkeit. Der Islam will die Glückseligkeit der Menschen. Wir tragen eine wichtige Funktion in uns und müssen uns durchaus immer wieder die Frage stellen, wie weit wir diesem höheren Ziel auch wirklich dienen. Tragen wir mit unseren Handlungen zum Guten bei oder fördern wir, dass Menschen durch unsere Fehlentscheidungen einen falschen Weg einschlagen? Wie sieht also unsere Dawa aus? Was tun wir auch im zwischenmenschlichen Bereich? Wie gehen wir auch mit unseren Glaubensgeschwistern um? Was tragen wir dazu bei, dass sowohl die Gesellschaft als auch die muslimische Community vorankommt?

Warum schreibe ich heute darüber? #MeinMoscheeReport

Ich habe diese Geschichte heute bewusst ausgewählt, weil ich lange überlegt habe, wie ich mit der Art und Weise von einem Teil der Kritik an meinem Artikel zu #MeinMoscheeReport umgehen soll. Es gab zum einen viel Zustimmung, gerade auch von Geschwistern und Betroffenen, die sich nicht öffentlich getraut haben, diese Thematiken, die angesprochen wurden, so auch zu bestätigen. Man dankte mir aber für meine ehrlichen Worte. Ich danke für diese Kritik und Bestätigung. Ich halte aber – dies sei hier der Umstände halber angemerkt – nichts davon, sich der Verantwortung in Moscheen und Community zu entziehen, weil man solche Erfahrungen gemacht hat.

Ich rate von einer solchen Abkapselung ab. Gerade jetzt muss man sich engagieren. Wenn es dort nicht geht, dann anderweitig. Es gab aber auch viel negative Kritik. Darunter ist zu erwähnen, dass mehrere Seiten sich über meinen Ton echauffiert haben oder gesagt haben, ich sei unsachlich gewesen. Ich erinnere nur daran: Dies ist ein Blog. Kein Nachrichtenmedium. Natürlich ist das Subjektiv, ich nehme schließlich auch nicht in Anspruch für alle Muslime zu sprechen. Es ist meine Meinung.

Ein Teil der Kritik braucht aber auch keine Antwort. Blockierungen folgen in Kürze. Braucht sich keiner zu beschweren. Sind nicht besser als das rechte Lumpenpack. Und dann gab es noch interessante negative Kritik, die konstruktiv war. Ich danke für jeden einzelnen solcher Beiträge, weil sie eben zeigen, wie facettenreich und doch divers die Wahrnehmungen seien können. Weil diese Kritiken eine Bereicherung sind. Einige haben beispielsweise nie solche Erfahrungen gemacht. Andere haben mich darauf hingewiesen, dass meine Vorstellungen tatsächlich nur für einen bestimmten Kulturkreis und bestimmte Formen von Moscheeorganisationen typisch sind. Ich habe all dies notiert und bin dankbar. Auch die Einladungen in bestimmte Moscheegemeinden werde ich bestimmt irgendwann später tatsächlich annehmen können. Diese Kritik ist insgesamt wichtig und ich nehme sie gewiss zu Herzen. Sie trägt aber auch dazu bei, dass man endlich debattiert, statt schönredet.

In die Hölle getrieben

Eine Kritik war aber sehr hart und sie hat mir wirklich sehr weh getan. Es war die Kritik von Oğuz Üçüncü, den ich nicht nur als früheren Generalsekretär der IGMG, sondern auch als großen Bruder und Vorbild, immer sehr bewundert habe. Es war mir auch immer eine Ehre in seinem Team zwischenzeitlich mitgearbeitet zu haben. Ich erinnere ihn nur an seine eigenen Worte, an einem Abend in Köln, in meine Richtung: „Vor dir hat man mich gewarnt, vor dir hat man mich gewarnt und vor dir hat man mich dreimal gewarnt.“ Er sprach in seiner Kritik davon, dass ich eine Generalabrechnung gemacht habe. Ich hätte meine eigenen Maßstäbe und meinen eigenen (Stur-)Kopf. Er hat Recht. Ich bin kein guter Mensch, kein guter Muslim. Mein Ego hat hier eine ganz besondere Rolle gespielt.

Ich sehe, wie eine Organisation nur noch ein Schatten seiner selbst wird, wie man in Selbstgefälligkeit versinkt und nicht in der Lage ist, Kritik zu ertragen oder zu verarbeiten. Ich sehe den Braindrain, der stattfindet, weil man keine strukturellen und ideologischen Veränderungen vornimmt. Wenn ich meinen Text geschrieben habe, dann aus Sorge – eine Sorge, von der ich glaube und weiß, dass auch Oğuz Üçüncü sie teilt. Es war eine Generalabrechnung. Sieht man sich meine früheren Texte zur IGMG an, dann ist das nicht der erste und es wird nicht der letzte kritische Artikel zur Organisation sein. Ich hab mir damals und ich werde mir auch heute nicht den Mund verbieten lassen. Es wird aber bei den künftigen Artikeln einen gewaltigen Unterschied geben.

Ein konsequenter Schritt

Es folgt der nötige endgültige Schritt, damit sich ein paar Leute keine Hoffnungen mehr machen brauchen oder müssen. Damit die Fronten wirklich geklärt sind: Ich, Akif Sahin, stehe ab dem heutigen Tag weder der IGMG-Führung, noch der Organisation, ihren Landesverbänden, ihren Jugendorganisationen, ihren Vorständen auf lokaler Ebene, noch den Organisationen in denen die IGMG eine Führerschaft inne hat (wie die Schuras) oder sonstigen irgendwie mit der IGMG verbundenen Einrichtungen zur Verfügung. Dies gilt insbesondere für meine beratenden Tätigkeiten als auch mein ehrenamtliches Engagement (Schulungen, Seminare, Vorträge). Anfragen dieser Art werden nicht mehr bearbeitet und von mir beantwortet.

Vielleicht lande ich irgendwann für diese Entscheidung in der Hölle. Ich habe schließlich einen Eid geleistet. Es ist aber die Frage, ob man seine Baiʿa (بيعة) nicht widerrufen muss, wenn man die Anführer der Dawa, an die man geglaubt hat, im offensichtlichen Irrtum sieht. Es stellt sich daher nur die Frage, wer wen zu was getrieben hat und wer am Ende im Recht war. Diese Entscheidung wird Allah treffen und vielleicht zeigt uns allen die Zeit, wer im Recht war. Ich jedenfalls bin mit mir im Reinen. Ich habe gestern geschlafen wie ein Baby. Ich habe mir die Entscheidung zu diesem Schritt auch nicht leicht gemacht. Sie ist durchdacht und nur konsequent. Es macht keinen Sinn eine Organisation oder ihre Unterorganisationen weiterhin irgendwie zu unterstützen, wenn ich nicht mehr überzeugt davon bin, dass sie für die gerechte Sache stehen.

Es macht erst Recht keinen Sinn, wenn irgendwelche Gestalten glauben, sie hätten ein Recht mir vorschreiben zu dürfen, was ich schreiben darf und kritisieren darf. Eines muss ich mir dann doch der alten Zeiten willen erlauben, damit sich auch all jene bestätigt fühlen, die mir einen „Rosenkrieg“ vorwerfen: Ihr müsst meine Texte nicht lesen. Es gibt da oben ein X – klickt drauf und lebt zufrieden in eurer Blase weiter. Zu den Mitarbeitern aus der Zentrale, die mich gestern öffentlich denunziert, als gekauft, bezahlt und was weiß ich noch sonstwas betitelt und beleidigt haben: „Zerre kadar hakkım varsa, size haram olsun.“ In diesem Sinne werde ich weiterhin kritisch bleiben, ich werde mich nicht verbiegen und ich werde weiterhin schreiben was ich will und nicht was andere von mir verlangen. Ich werde also auch weiterhin offen Missstände benennen – egal, welche Organisationen / Muslime dahinterstecken. Das ist jetzt meine Art. Aus Trotz. #inadına

Quellen: „Muslim, Mesacid, 297; Ibn Hischam, As-Sira, II, 252, 255; Taberi, Tarih (Ebul Fazl), II, 410-411; Ibn Hacer, el-Isabe, I, 347; Ibn Qayyim al-Dschawziyya, Zad’ul Me’ad, II, 94“

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