Gestern Abend haben viele Menschen bei einer von langer Hand geplanten Hashtag-Aktion des Nachrichten- und Debattenmagazins „IslamiQ“ mitgemacht und unter dem Hashtag #MeinMoscheeReport ihre Sicht auf Moscheen in Deutschland dargelegt. Die Aktion wurde als „großer Erfolg“ bewertet, weil man zwischendurch auf Twitter den ersten Platz belegt haben soll. Die Angabe lässt sich nicht ganz überprüfen. Bei den mir vorliegenden Daten war jedenfalls bis heute früh das Fußball-Spiel zwischen #VfBFCU mit deutlichem Abstand besser gelistet. Die Aktion selbst, zeigt das Problem der aktuellen Debatten um den Islam und Muslime in Deutschland. Entweder geht es um Islamfeindlichkeit oder um Islamverherrlichung.

Schaut man sich die Beiträge zu #MeinMoscheeReport fällt schnell ins Auge, dass es hier nicht um eine realistische Annäherung an die Wahrheit ging, sondern vielmehr um positives Image-Setting und Verherrlichung von Moscheen als Orte der Liebe, der Integration, der Kultur, der Zusammenkunft und Freundschaft. Es ist eben in direktem Kontrast zu Constantin Schreibers Buch „Inside Islam“ geschehen. Die Intention mag löblich sein, aber beim Lesen der ganzen Tweets und Einträge auf Facebook dachte ich nur: Schöne Bilder, die ihr da zeichnet. Nur: Was nützt einem die beste Werbung, wenn die Realität außerhalb eurer Filterbubble ganz anders aussieht?

#MeinMoscheeReport: Moscheen haben heute Probleme als Zentren von sozialer Zusammenkunft zu überleben

Tatsächlich werden die Probleme und die möglichen Lösungen auch bei dieser Aktion nicht besprochen. Man versucht sich als korrektiv zu einer massiven negativen Berichterstattung über Moscheen und Muslime und übersieht dabei welchen Schaden man eventuell mit anrichtet. Vor allem bei den Menschen, die eben nichts mehr positives mit einer Moschee verbinden können, weil sie ausgegrenzt und ausgeschlossen wurden von der sozialen Teilhabe ihrer früheren Gemeinschaft. Man erkennt außerdem nicht an, dass sich die Moscheen in Deutschland derzeit in einem Wandel befinden, der sich längst um die Frage dreht, ob diese Orte überhaupt noch Zentren von sozialer Zusammenkunft sind oder nur noch als Gebetsstätten genutzt werden.

Ich möchte dieses Problem anhand meiner eigenen Person verdeutlichen: Wenn sie ein kritischer Geist sind, wenn sie nicht nach der Pfeife ihrer Organisation tanzen, wenn sie eine andere Meinung als der Vorstand haben, sich nicht mit Kritik zurückhalten, dann werden sie sozial geächtet, von sozialen Zusammenkünften ausgeschlossen und selbst bei dritten schlecht gemacht, damit sie ja keinen Zugang mehr in die Gemeinschaft haben. Ich gehe beispielsweise längere Zeit nicht mehr in die Moschee, in der ich aufgewachsen, in der ich Koran-Unterricht erhalten, in der ich Bildungs- und Jugendarbeit geleistet habe, in der ich als Sekretär gearbeitet habe, weil ich mich innerlich nicht mehr wohl fühle, wenn ich die Räumlichkeiten dort betrete.

In was für einer Filterblase leben die Teilnehmer von #MeinMoscheeReport?

Man versagt mir bis heute auch eine Mitgliedschaft in der Gemeinde. Ich darf dann Zusehen wie Familienangehörige und Kinder von Vorständen in „meiner“ früheren Gemeinde zu Mitgliedern und Funktionären gemacht werden, während die schlauen Köpfe weiterhin links liegen gelassen werden, weil sie zu unbequem sind. In Gesprächen wird dann auch immer wieder mein „Blog“ thematisiert und als Argument geführt, warum all das geschehen sei. Das es mehr an meinem kritischem Geist liegt, der sich weigert, sich zu fügen, wird ausgeblendet. Selbstkritik erlebe ich in solchen Gesprächen nur selten. Ich bin schließlich auch ein Produkt dieser Gemeinde.

Ich bete ehrlich gesagt Zuhause deutlich gelassener als in anderen Moscheen. Die nächstgelegene Moschee besuche ich selten, weil der Imam aus der Türkei kommt. Die Freitagspredigten sprechen mich nicht an, weil sie entweder zu plump und zu platt sind, oder einfach inhaltlich nicht richtig. Es sind solche Dinge, die einen durchaus die Frage stellen lassen, in was für einer Filterblase eigentlich die Teilnehmer von #MeinMoscheeReport leben. Islamverherrlichung scheint mir jedenfalls ein falscher Ratgeber zu sein, um die Probleme von Moscheegemeinden zu bekämpfen. Und ganz ehrlich: Glaubt man wirklich mit solchen Einsichten wie „Biz uzun eşek oynardık. Futbol oynardık.“ die Herzen all derer zu gewinnen, die Schreibers Buch und Videos gelesen haben? Das klingt mehr nach nostalgischem Nachweinen an längst vergessene Zeiten. Heute kannst du eben nicht mehr Fußball spielen oder „Langer Esel“. Du bist zu alt.

Das ist mein ehrlicher #MeinMoscheeReport (Auszug, nur negativ)

Wenn ich all das Negative zusammenfasse, was mir als erstes in den Sinn kommt, dann sieht mein Moscheereport so aus:

  • Wir wurden als Kinder in der Moschee vom Imam mit Stöcken geschlagen. Unsere Eltern haben dies ausdrücklich erlaubt.
  • Knochenbrüche gehörten bei uns in der Moschee zum Erziehungs-Risiko. Einmal hat ein älterer Bruder einem Jungen den Arm so gebrochen, dass der Knochen herausgeguckt hat.
  • Wir wurden als Kinder in der Moschee zu Islamisten und Nationalisten erzogen. Kritische Distanz zu politischen Parteien gab es damals nicht und gibt es auch heute nicht.
  • Wir wurden als Kinder in der Moschee zu Juden- und Christenhass erzogen. Interreligiöser Dialog wird heute noch weitestgehend verteufelt.
  • Wir wurden als Kinder in der Moschee gelehrt, dass die Deutschen unsauber sind. Deutsche Freunde waren verpönt.
  • Wir wurden als Kinder gelehrt, dass wir Allah und die Hölle zu fürchten hätten. Allah lieben war kaum ein Thema. Spiritualität lernte ich außerhalb der Moschee in den klassischen Madrasa kennen.
  • Ein Imam hat seine Praktikantin zu seiner Geliebten genommen und ließ sie nach einem Jahr unehelicher Beziehung wieder fallen. Er wurde nicht gefeuert, das Thema wurde unter den Teppich gekehrt.
  • Ein Imam hat uns unsere Feuerwerkskörper abgenommen und ließ damit seine Kinder an Silvester feiern. Wir wurden in dieser Zeit in unseren Jugendhäusern eingesperrt. Silvester war für uns haram, für die Kinder des Imam ein Fest.
  • Ein Imam erzählte uns von der Kanzel, dass Sozialbetrug haram sei und beschäftigte gleichzeitig selbst mehrere Personen schwarz in seiner Firma.
  • Der Moscheevorstand grenzte gezielt Personen aus, die nicht nach der eigenen Pfeife tanzten. Gerade wenn man Ideen hat, die nicht von der eigenen Arbeit gedeckt werden, ist man automatisch Konkurrent.
  • Der Moscheevorstand machte Personen schlecht bei anderen Personen und Organisationen, damit diese innerhalb der Community ausgegrenzt bleiben. So wurde man geächtet.
  • Der Moscheevorstand lädt zu seinen Sitzungen gerne Persönlichkeiten aus Medien und Politik ein, aber will seine eigenen Gemeindemitglieder nicht dabei haben.
  • Zu Mitgliedern einer Moscheegemeinschaft werden nur dem Vorstand treue Menschen und Familienmitglieder der Vorstände gemacht. Kritische Geister sind unerwünscht.
  • Was in den Moscheen teilweise an Inhalten gelehrt wird, war und ist problematisch.
  • Wohin und wofür die Spenden aus den Freitagssammlungen wirklich verwendet werden, bleibt oft ungeklärt.
  • Einer Frau wurde vom Imam angeraten, sie müsse die Schläge ihres Ehemannes ertragen. Das mache sie zu einer besseren Gläubigen.

Neben all diesen Punkten: Natürlich waren und sind viele Zeiten in den Moscheen schön. Aber während wir viel über die schönen alten Zeiten erzählen können, sind die neueren Zeiten dafür umso unschöner. Wenn beispielsweise Moscheen anfangen nur noch für eine exklusive Klientel ihre religiösen wie sozialen Angebote anzubieten, wenn die Jugendarbeit gezielt nur noch für bestimmte Gruppen statt für alle Jugendlichen gemacht wird, wenn es an Transparenz fehlt und der Sinn und die Sinnhaftigkeit von Spiritualität verloren gegangen sind, dann braucht es mehr als eine Aktion #MeinMoscheeReport.

Es braucht vor allem Menschen, die endlich anpacken wollen und anpacken dürfen. Das ist nämlich eines der größten Probleme des Islam und der Moscheen in Deutschland: Die Jugend läuft den Moscheen weg. Und das liegt an unattraktiven Angeboten, verkrusteten Strukturen und den Menschen und Vorständen, die lieber Islamverherrlichung betreiben als die echten Probleme der Muslime anzugehen und zu lösen. Da mag die Filterblase noch so schön wirken. Der Anschein von „Es läuft super“ ändert aber nichts an den Problemen. Und die sind gravierender und schwieriger als es ein „Inside Islam“ oder „MoscheeReport“ von Constantin Schreiber es je fassen und beschreiben könnten.

Offenlegung: Der Autor dieses Beitrags hat zwischen 2013 und 2014 bei der Plural Publications GmbH als „leitender Redakteur“ für IslamiQ gearbeitet.

5 KOMMENTARE

    • Und sie machen genau das, was dazu führt, dass sich nichts verändern wird… Beschwichtigen und unter den Tisch kehren…

  1. Sich zu beschweren, dass alle ja so positiv berichten aber die eigene einzelne Erfahrung nehmen und als Fakt darzustellen, dass es überall so laufen muss? Darüber kann man nur schmunzeln. Es wäre auch generell angebracht Quellen zu nennen. Welche Moschee ist das? Ich kenne kaum Moscheen, in denen Imame arbeiten, die nebenher noch selbstständig sind und ein eigenes Unternehmen besitzen. Kann es ja trotzdem geben, interessant wäre es zu wissen wo sich das Ganze abgespielt hat. Dass muslimische Kinder in Moscheen mit Juden- und Christenhass erzogen werden ist totaler Schwachsinn. Der Koran behandelt zu 60% das Judentum. Es wird lediglich Imamen dargestellt was unserer Religion nach Juden bzw. Christen falsch machen und was uns von anderen unterscheidet. Gottesfurcht ist eine Sache und die Nähe und Liebe zu Gott eine Andere. Wenn du nur das Eine vermittelt bekommen hast finde ich schade.
    Generell liest sich sein Text kein Deut besser als die ganzen positiven Beiträge. Stark aus den Fingern gezogen. Über das Thema kann man nur subjektiv berichten. Aber man liest diese beleidigte Leberwurst-Stellung raus. Schwerwiegender Fehler ist es, es so darzustellen, dass es überall so ist.

  2. Dass die persönliche Erfahrung auch in einer Moschee negativ sein kann, ist durchaus möglich. Doch daraus zu schließen, dass alle die positive Erfahrungen und Kindheitserinnerungen in der Moschee haben, in einer Filterblase leben, ist nicht nur eine Falsche Schlussfolgerung. Es erklärt für mich persönlich warum ein Vorstand einer Moscheegemeinde, gewisse Menschen als Mitglieder ausschließt. Dies ist übrigens im deutschen Vereinsrecht durchaus legitim.
    Allen, auch uns Muslimen, ist durchaus klar, dass es Probleme gibt. Und dennoch sind auch meine persönlichen Erfahrung in der Moschee positiv, obwohl ich ein kritischer Geist bin, nie nach der Pfeife des Vorstandes tanze, mich nicht mit Kritik zurückhalte und sogar eine Frau bin!!!
    Ich denke der wesentliche Unterschied ist, die eigene Einstellung. Wenn man sich selbst für „einen schlauen Kopf“ hält und auf alle andere herabschaut, isoliert man sich selbst, grenzt sich ab und die anderen dummen sind schuld. Meine Einstellung ist geprägt von Anerkennung für die herausragenden Leistungen, die unsere Vätergeneration an den Tag gelegt haben, um unsere Moscheen trotz allen Herausforderungen zu gründen, zu finanzieren und von gebetsräumen zu Sozialen-und Bildungseinrichtungen weiterzuentwickeln. Als Akademikerin, die in Deutschland aufgewachsen ist, habe ich Fähigkeiten, die die Vorstandsmitglieder vielleicht nicht haben. Dennoch ist meine Einstellung, dass sie andere Fähigkeiten und Erfahrungen haben, die ich nicht habe. Außerdem weiß ich dass Generationskonflikte nicht nur im Familären Kontext auftauchen, sondern auch in Vereinen und Institutionen und ich weiß, dass Wandel und Entwicklung ein Prozess ist und kein Knopdruck!
    Tatsache ist weder dein Beitrag, noch so ein „MoscheeReport“ von einem Constantin Schreiber tragen zur Lösung der Probleme der Moscheegemeinden bei. Durchaus aber muslimischen Jugendliche, die sich durch #MeinMoscheeReport merken, wie sehr sie die Moschee eigentlich geprägt hat und sich damit identifizieren können und wollen.

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