Stop Terror

Seitdem ich in meiner neuen Arbeit tätig bin, verpasse ich viel von dem was um mich herum passiert. Aktuelle Debatten rund um Islam und Muslime nehme ich beispielsweise nur noch am Rande wahr. Ein Grund dafür, warum ich immer seltener zu aktuellen Islam-Debatten längere und ausführlichere Texte schreibe. Im Grunde hat sich mein Interesse für die ewiggestrigen Themen auch stark gelegt.

Dabei gibt es aber auch Themen, die ich nie wirklich aus freien Stücken oder gerne verfolgt habe. Terrorismus ist ein solches Thema. Seit 9/11 habe ich fast keinen Anschlag in Europa, der mutmaßlich von muslimischen Extremisten begangen wurde, verdrängen oder ignorieren können. Das ist vielleicht auch das Problem. Denn der Diskurs nach jedem Anschlag von Terroristen, die sich auf den Islam berufen, geht ungefähr so: “Ihr Muslime seid allesamt Terroristen” oder “Distanziert euch vom Terrror!”

Muslime mit Terror in Verbindung zu setzen, das tut weh und es entfremdet

Gerade im gesellschaftlichen Diskurs habe ich immer wieder erlebt, wie wir als gläubige Menschen einfach verteufelt und ausgegrenzt worden sind. Nach jedem Anschlag wurden entweder meine Glaubensgeschwister und mein Glaube angegriffen oder, was noch viel mehr weh getan hat, es wurde ein Generalverdacht gehegt. Forderungen nach Integration oder der Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft sind hier auch nur Stellvertreter-Debatten mit gleichem Hintergrund.

Es geht um den Verdacht gegenüber Islam und Muslimen, diese seien illoyal oder nicht rechtstreue Subjekte der Gesellschaft. Das Bild der Muslime gibt das zwar nicht her, es wird aber durch “alternative Fakten” ignoriert und ein alternatives Meinungsbild geschaffen. Hier werden Klischees bedient, obwohl man es besser weiß. Seit Erstarken von rechten Rändern, angespornt durch Rechtspopulisten und AfD, haben wir es auch mit einer größeren Agitation, gegen alles was einem Fremd und nicht “deutsch” genug erscheint, zu tun. Das drückt sich auch in Anschlägen gegenüber Moscheen und Flüchtlingsheimen aus. Rechtspopulismus ist eben nur der Vorschritt zum Rechtsextremismus. Die Übergänge sind fließend.

Wenn man sich das nicht antut, lebt man besser

Doch zurück zu meiner Arbeit. Vom heutigen Anschlag in St. Petersburg habe ich sehr, sehr spät erfahren. Das lag nicht daran, dass keiner im Betrieb nicht vom Anschlag gehört hätte. Es war nur wieder einmal so, dass Niemand im Betrieb bei mir angerannt kam, um über das Thema zu sprechen. Ich war vertieft in meine Arbeit, als ich eher zufällig etwas über den Anschlag mitbekommen habe. Ich wunderte mich schon sehr.

Mein Kollege und ich schauten uns an und ich sprach zuerst das Thema an. Er sagte nur: “Traurig. Aber passiert halt.” Diese Gelassenheit, dieser merkwürdige Umgang, war mir bisher noch nie in einem Betrieb untergekommen. Sieht man von meinen Stationen in meinem Lebenslauf bei muslimischen Gemeinschaften und Betrieben, wo ich als muslimischer Journalist arbeiten durfte, vorauseilend ab, hat es immer die Thematisierung der neuesten Anschläge gegeben. Ich wurde quasi immer wieder überrannt und ausgefragt.

In Betrieben wird man immer auf solche Dinge angesprochen

Freunde und Jugendliche, die ich betreut habe, haben und berichten mir immer wieder, wie sie in ihren Betrieben gleich auf solche Themen angesprochen werden. Man erwartet quasi eine Erklärung vom Kollegen “Moslem”. Die kann man aber gar nicht liefern. Wie soll man selbst etwas erklären, wenn man es selbst mit seinem Glauben und seinem Wissen nicht verstehen kann? Was einem selbst nicht nur Absurd sondern vollkommen unislamisch vorkommt? Wie soll das Gelingen?

Die Erwartungshaltung ist da sehr stark ausgeprägt und immer sind solche Themen, die Massen bewegen, auch ein Thema für die Belegschaft. Das fängt beim Morgenkaffee an, geht weiter über das Mittagessen und endet frühestens beim Feierabend-Gruß. Der traditionelle BILD-Leser scheint dabei im Handwerksbetrieb das größte Problem für die Psyche von Muslimen zu sein. Doch wie gesund ist ein solcher Umgang mit dem Thema? Es strapaziert zumindest die Nerven von Muslimen, die es satt haben, sich rechtfertigen zu müssen, weil ein oder mehrere Irre sich in die Luft gejagt, dem Teufel gedient und dabei auch unschuldige Menschen mit in den Tod gerissen haben.

Locker bleiben, das geht

Der heutige Anschlag auf die Metro in St. Petersburg war jedenfalls nicht der erste Anschlag, den ich einfach so verpasst habe. Es war der dritte in diesem Jahr. In meiner Firma interessieren solche Anschläge nicht. Sie taugen auch nicht als Thema in der Belegschaft. Wir diskutieren lieber über veganes und gesundes Essen, wir diskutieren lieber über unser Wochenende oder den Sport den wir am Abend machen wollen. Wir sprechen lieber über den köstlichen Kaffee oder die nette Kollegin von nebenan, als über Terror. Es gehört zur Firmenkultur, dass man sich aus politischen Themen, egal welcher Natur, raushält.

Das tut mir, ehrlich gesagt, sehr gut. Ich sag ja, wir sagen höchstens, es sei traurig und tragisch, ein solcher Vorgang. Ansonsten kümmern wir uns alle um unsere Arbeit und das Gelingen von Projekten. Wir sind keine gefühlslosen Roboter, wir haben nur Prioritäten. Ein sozialer Verbund zeichnet sich gerade hier sehr stark aus. Wenn er das Weltgeschehen ignorieren und einfach den Alltag beibehalten kann, um ein höheres Ziel zu erreichen, dann gelingt wirklich alles. Ich bin froh in einer solchen Einrichtung zu arbeiten — zumal ich hier mehr Engagement von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen für eine gute Sache sehe, als ich es bei muslimischen Organisationen, je gesehen habe.

Ignorieren! Nicht lesen oder diskutieren! Sagen: Ich will das nicht!

Aber was ist mit allen, die sich ständig fragen: Was soll ich tun? Was kann man ihnen raten? Nun, die Antwort ist ziemlich leicht. Die Themen und Fragen einfach ignorieren. Nicht mehr die entsprechenden Artikel und Beiträge lesen, sondern gleich wegklicken. Sich nicht mehr von Arbeitskollegen vollquatschen lassen. Und nein, dein Kommentar unter diesem Beitrag fördert nicht die Meinungsbildung. Sie interessiert Niemanden, weil da Tausend andere Kommentare drunter stehen. Forderungen nach Distanzierung einfach weglächeln und erst gar nicht diskutieren.

Wir sprechen gerne von “Safe Spaces”, die ein jeder Mensch brauchen würde. Wir tun aber nichts dafür, um diese Safe Spaces uns selbst einfachzu gönnen. Man kann seinen Kollegen ganz bestimmt sagen: Ich will nicht über dieses Thema reden und ich möchte auch nicht zu diesem Thema angesprochen werden. Das ist keine Kunst. Es ist nur die Leistung, die man erbringen muss, um solchen Diskussionen einfach auszuweichen. Das hat nichts mit Feigheit zu tun, sondern mit der Einsicht, dass man Dinge ignorieren muss, um ein glücklicheres Leben zu führen. Und so kostbar sollte uns unser eigenes Seelenwohl sein.

In meinem Fall ist es komplizierter

Bei der Arbeit fühle ich mich pudelwohl. Hier bin ich Profi und konzentriere mich um das Marketing und die PR für meinen Arbeitgeber. Das muss auch so sein, wenn ich erfolgreich sein will und auch länger dort arbeiten möchte. Und das es so kommen würde, hätte ich noch am Anfang überhaupt nicht gedacht. Ich schwärme jedenfalls in meinem Umfeld von der Arbeit. Es tut mir auch sehr weh, wenn ich einen Tag mal nicht bei der Arbeit bin.

Ich kann die aktuellen Entwicklungen in der Welt dort nicht abrufen. Ich bekomme sie, wie gesagt, dort nur noch am Rande mit. Wenn ich aber wieder Zuhause bin und in meine Social-Streams blicke, macht sich auch Ernüchterung breit. Ich bin — immer noch — politisch beratend tätig. Daraus ergibt sich zwangsläufig eine gewisse Pflicht. Mal rufen mich muslimische Vertreter an, mal universitäre Vertreter, mal halbstaatliche und staatliche Vertreter und mal sind es auch Journalisten.

Sie alle wollen von mir eine Meinung oder einen Rat zu bestimmten Fragen und Themen haben. Meist geht es auch um Projekte, die sich um das Thema Prävention drehen. Ich beantworte solche Anfragen gerne, weil es mir immer noch Spaß macht, mir auch bestimmte Möglichkeiten eröffnet und ich dabei auch meist im Gegenzug Informationen über aktuelle Entwicklungen in bestimmten Bereichen erhalte. Insofern kann ich mich nicht komplett diesen Dingen entziehen.

Es tut mir aber sehr gut, wenigstens nicht mehr bei der Arbeit über solche Themen sprechen zu müssen. Es entlastet ungemein und schärft den Blick auf das Wesentliche: Eine funktionierende Gesellschaft sieht über die Fehler einzelner Individuen hinweg und versucht das Kollektiv als funktionierende Einheit zu gestalten und alle Akteure mit gleichen Rechten und Pflichten auszustatten.

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