Willkommen in der islamischen Reformation

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wurden immer wieder Stimmen laut, die eine Reformation des Islam gefordert haben. Die Beweggründe für diese Forderungen waren ziemlich oft die (angeblich) vom Islam ausgehende Gewalt. Dem wurde entgegengehalten, dass der Islam sich nicht zu reformieren brauche, weil er anders als Kirche und Christentum, flexibel auf die Fragen unserer Zeit antworten könne. Der Terrorismus oder die Gewalt sei kein Produkt des Islam. Und das Verständnis von Aufklärung sei für die Christenheit, nicht für die Muslime, nötig gewesen.

Andere Experten, darunter auch viele geschätzte Geschwister aus Deutschland, haben immer wieder das Wort „Reformation“ angegriffen und auch die These vertreten, dass der Islam gar keine Reformation in diesem Sinne brauche. Dabei wurde und wird auch der eigenen Klientel, die beim Wort „Reformation“ schon zusammenzuckt, nach dem Mund geredet. Es gibt in dieser Frage, aus meiner Sicht, kein richtig oder falsch, auch wenn uns manche Meinungen suspekt, ja geradezu beleidigend erscheinen. Den Begriff schon abzulehnen erschien mir teilweise verfrüht, wenn nicht gar falsch.

Interessant ist auch die Fokussierung auf bestimmte Gelehrte als „Reformer“ oder ihre Ansätze für eine Reform. Dabei wird vor allem der Salafiyya als ein Gegenentwurf die Rolle der „Reformer“ zu Teil gemacht. Das sind sicherlich richtige Feststellungen, wenn man sie denn im Nachhinein so zuordnen will. Andererseits sehen wir in den Reformbestrebungen auch ein gewisses Scheitern der Aspiranten. Es stellt sich die Frage, ob die Reform überhaupt angestrebt war.

Reformation für Dummies

All diese Meinungen zum Thema “Der Islam braucht eine Reformation” sind insgesamt jedoch nur als Meinungen zu betrachten. Sie stellen in der Diskussionen nur Positionierungen dar, um den eigenen Standpunkt oder die Verkaufsstrategie für das eigene Buch klarer zu machen. Eine echte Lösung, geschweige denn Gedanken darüber, was am Ende der Reformation des Islams stehen könnte, finden wir nur sehr selten. Manchmal erschrecken wir aber auch vor der Offenheit, mit der man versuchen will den Islam von seinen religiösen Wurzeln zu entkernen und Pseudo-Muslime* als “moderate” oder “liberale” Gläubige und Role-Models vorzustellen. Entsprechende Projekte werden uns ja immer wieder aufgetischt. Nur folgen will diesen „Role-Models“ kaum Jemand.

Unabhängig von diesen Themen: Eine aus meiner Sicht sehr interessante Meinung zum Thema “Reformation und Islam” findet im deutschsprachigen Diskurs leider weiterhin zu wenig Beachtung. Es ist die Meinung von Reza Aslan, der bereits 2007 an der Standford University mit seinem Vortrag „Welcome to the Islamic Reformation“ mehr Sachverstand und Analyse aufgeboten hat, als viele andere Experten in unserer Zeit es zu leisten vermögen. Aslan machte schon damals (teilweise provokativ) deutlich, warum er glaube, dass die Reformation des Islam bereits voll im Gange sei.

Die Reformation des Islam ist in vollem Gange

Aslan erklärte, das er in der Gewalt und dem Terror, der über die Welt gezogen wird, keinen Anlass für eine Reformation des Islam sieht. Er sieht hierin vielmehr einen Anhaltspunkt für einen bereits stattfindenden Prozess der Reformation des Islam. Die islamische Reformation, sie ist seiner Ansicht nach bereits voll im Gange. Wenn man diesen Gedankengang aufgreift, dann stellt sich automatisch die Frage: Wo stehen wir in diesem Prozess? Tragen wir unseren Teil für eine Lösung bei? Oder lassen wir weiterhin über unsere Köpfe hinweg diskutieren, statt uns einbinden zu lassen?

Tatsächlich räumt Aslan gerade den muslimischen Individuen und jedem Einzelnen eine wichtige Rolle in diesem offenen Prozess ein. Sie werden letztendlich darüber entscheiden, wie es mit dem Islam weiter geht und was reformiert oder eben nicht reformiert wird. Es bleibt aber weiterhin offen, wie dieser Prozess zu Ende gehen wird und wie viele Opfer wir in diesem Prozess aufbringen werden. Diese Sichtweise fehlt uns – in Deutschland – aber gerade ziemlich stark. Wir diskutieren tatsächlich darüber, ob der Islam eine Reformation braucht oder nicht, statt darüber zu diskutieren, was wir in einem solchen Prozess zu Gewinnen und zu verlieren haben und wie wir einen solchen Prozess begleiten können.

Einige Ansätze, aber vor allem die Hintergründe, liefert Aslan selbst. Ich möchte euch daher auch dieses Interview mit Reza Aslan aus dem Jahr 2014 wärmstens empfehlen. Vielleicht schauen wir dann etwas offener auf die Debatten und können diese auch mit unseren eigenen Inputs bereichern und verändern.

*Nachtrag zu Pseudo-Muslimen

Ein von mir sehr geschätzter Bruder hat mich heute – nach der Lektüre dieses Beitrags – gefragt, was ich unter einem Pseudo-Muslim verstehe. Das ist tatsächlich ein wichtiger Punkt und ich denke, es tut Not, hier noch einmal etwas genauer zu werden, weil dies durchaus missverständlich sein kann. Jeder, der die Schahada ausspricht und sich als Muslim versteht, ist in meinen Augen ein Muslim. Punkt.

Ich bin die letzte Person, die den Menschen ihr Muslim-Sein absprechen würde, oder gar den Takfir (Jemanden zum Ungläubigen erklären) aussprechen würde. Pseudo-Muslime sind jedoch in meinen Augen Heuchler, also Personen, die nur Vorgeben Muslime zu sein. Dieser Personenkreis ist sehr gering, aber wir treffen immer wieder auf solche Gestalten, die den Islam weder als Religion angenommen haben, noch sich selbst als Muslime verstehen. Sie geben manchmal vor liberale Muslime zu sein, sind aber restriktiv und verbietend, sie geben vor moderat zu sein, leben aber in der Extreme und sehen sich als Einzige im Besitz der Wahrheit. Sie versuchen anderen Muslimen ihr Muslim-Sein abzusprechen.

Interessanterweise profitieren sie in der Öffentlichkeit auch davon, dass man glaubt, sie seien „liberale“ oder „moderate“ Muslime. Sie vermitteln selbst dieses Bild sehr stark von sich, obwohl sie eher areligiös und völlig entwurzelt von ihrer Religion und vom Glauben ihr Dasein führen. Ihr tun und handeln spielt komplett auf den Schaden gegenüber Muslimen und dem Islam ab. Ich möchte hier klarstellen, dass damit keinesfalls „liberale“ oder „moderate“ Muslime in diesem Sinne gemeint sind. Im Gegenteil: Pseudo-Muslime schaden dem Image von liberalen und moderaten Muslimen, weil sie sie als areligiöse Gruppe darstellen. Für mich sind auch liberale und moderate Muslime, und ich kenne viele und zähle mich selbst in Teilen zu dieser Gruppierung, Geschwister im Glauben.

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