Muslime beim Gebet in einer Moschee in Hannover
Muslime beim Gebet in einer Moschee in Hannover © Akif Şahin

Vor ein paar Wochen habe ich einer jungen Dame aus der muslimischen Community in Hamburg ein Interview zum Thema Extremismus-Prävention gegeben. Das Gespräch war vielseitig, kontrovers und interessant. Das Transkript des Gespräches ist noch nicht fertig. Ich werde dieses vermutlich noch nachliefern und als eigenen Beitrag in meinem Blog veröffentlichen. Die Thematik und die Positionierung von meiner Seite sind vielleicht auch für andere interessant. Es gab bei diesem Gespräch einen Punkt, bei dem ich etwas zurückhaltend war, weil ich selbst noch an einer Idee bzw. eigentlich einem Konzept gearbeitet habe.

In der Vergangenheit sind sämtliche meiner Konzepte in der muslimischen Community gelandet und auf die eine oder andere Art verwirklicht worden. Leider war es aber so, dass die Konzepte überarbeitet bzw. kaputt gemacht worden sind. Wir reden hier sowohl von banalen Dingen als auch Dingen, die heute als „Meilenstein für die Muslime“ in Deutschland gefeiert werden. Ich habe mich damals immer der Gemeinschaft, deren Mitglied ich war, verpflichtet gefühlt. Heute fühle ich mich der muslimischen Community insgesamt verpflichtet und nicht nur einer einzigen Gemeinschaft. Deshalb möchte ich meine Gedankengänge, die derzeit nur eine Idee für eine professionellere und effektivere Präventions-Arbeit sind, öffentlich zur Disposition stellen.

Die aktuelle Präventions-Arbeit ist nicht erfolgreich

Ich nehme nicht in Anspruch, mit einer einfachen Idee, alle Probleme in diesem Bereich lösen zu können. Ich sehe nur in der gegenwärtigen Strategie, die von Behörden, Ämtern, Gemeinden und einzelnen Akteuren gefahren wird, keine Lösungen für die muslimische Community und ihre spezifischen Probleme im engeren Sinne. Wir bekämpfen in der aktuellen Präventionsarbeit lediglich die Symptome. Wir werten es als Erfolg, wenn Jemand nicht nach Syrien reist. Es ist wie bei den Simpsons. Homer kauft sich einen Stein, weil rein theoretisch der Stein alle Bären fernhält. Es sind ja keine zu sehen, wenn man den Stein hält. So verhält es sich gegenwärtig mit vielen (nicht allen) Projekten auf Länder- und Bundesebene. Wir müssen aber an den Ursachen arbeiten. Und da sehe ich einen dringenden Handlungsbedarf.

Und vor allem dürfen wir uns dieser Problematik nicht verschließen: „Solange muslimische Gemeinschaften das Selbstwertgefühl der muslimischen Jugend nicht endlich wieder stärken, wird es auch weiterhin viele Jugendliche geben, die auf den falschen Weg geraten und sich für Schwachsinn wie Terror einbinden lassen. Und vor allem wir als Muslime schaden diesem Selbstwertgefühl. Wir haben es verlernt, das Selbstwertgefühl der Jugend zu stärken. Darin sind die Organisationen gut geworden, die sich heute die Jugendlichen krallen und zum Hass ausbilden. Wir haben dem nichts mehr entgegenzusetzen. Nicht einmal mehr die Liebe, die wir vorgeben zu leben. Wir sind zu Heuchlern geworden, die sich selbst nichts nutzen. Wir verkaufen uns und unsere Religion an den Bestbietenden. Mal sind wir dem Staat hörig, mal dem Geschäftsmann für seine Spende. Und die Gemeinschaft sieht über unsere Verfehlungen hinweg, solange wir die dämlichen Fatwas über Gummibärchen und Zinsen liefern, die ihnen selbst auch nutzen.“

Wir brauchen Jugend-Imame für jeden Bezirk

Meine Lösung richtet sich an ein Grundproblem in den muslimischen Gemeinschaften. Ich schlage vor, einen Jugend-Imam in jeder größeren Stadt bzw. jedem größeren Bezirk zu etablieren. Der Jugend-Imam soll die Jugendarbeit – wenn sie vorhanden ist – stärken oder neu begründen. Die Idee basiert auch aus meinen (aus der Ferne durchgeführten) Beobachtungen bezüglich der interessanten Arbeit von Ferid Heider in Berlin. Heider ist aus vielen Betrachtungen heraus (ich bin nicht blauäugig) problematisch, doch seine Arbeit und sein Engagement für die Jugendlichen bilden genau das ab, was derzeit in vielen muslimischen Gemeinden fehlt. Ein Imam, der sich ausschließlich um die Jugend kümmert und dabei sowohl Respekts- als auch Autoritätsperson ist. Das es durchaus Jugend-Imame in Deutschland gibt, ist mir bewusst, aber sie sind zahlenmäßig zu wenige und vor allem noch nicht richtig etabliert. Außerdem sehe ich ihre Aufgaben anderweitiger, als viele es gerne sehen und in der Praxis leider umsetzen. (Siehe zur aktuellen Situation von Jugend-Imamen in Deutschland den Beitrag von Götz Nordbruch für die DIK)

Wir überlassen die Jugendarbeit (wenn sie denn überhaupt vorhanden ist) in den Gemeinden keinen Experten, sondern „besseren“ Jugendlichen. Es sind Laien, die oftmals bei theologischen Fragen und Herausforderungen schon an ihre Grenze stoßen. Hinzu kommt, dass diese Laien auch ehrenamtlich arbeiten und ihr Engagement und ihr Opfer in keinem Verhältnis je richtig gewürdigt werden. Es sind aber leider kaum professionelle Ergebnisse unter diesen Bedingungen zu erwarten. Diese wichtige Arbeit, sofern sie denn vorhanden ist, soll dennoch nicht obsolet werden. Sie muss weitergeführt werden, und hat jetzt nur einen Rahmen, der es ihr erlaubt, bessere Jugendarbeit zu leisten. Es gibt einen klaren Rahmen, in dem die Jugend-Imame Aufgaben ergänzend übernehmen könnten oder selbst dazu beitragen könnten, dass so etwas wie Jugendarbeit entsteht. Der Rahmen betrifft die Bereiche Bildung, Seelsorge und Mentoring. Damit bilden sie den Kern im klaren Bereich der „Präventionsarbeit“.

Jugend-Imame: Zuständig für die Bildungsarbeit, Seelsorge und das Mentoring

Jugend-Imame führen die Bildungsarbeit in allen Gemeinden und Bezirken durch, für die sie zuständig sind. Dies betrifft sowohl Seminare, Vorträge und Schulungen als auch persönlichen Kontakt zu Jugendlichen, die Anliegen und Fragen haben. Jugend-Imame sind dabei nicht nur vor Ort mindestens einmal die Woche präsent, sondern auch jederzeit Online verfügbar und erreichbar. Sie müssen in der Lage sein, auf Fragen (egal welcher Art) Antworten liefern zu können. Dies setzt eine explizite Kenntnis der islamischen Quellen voraus. Die Bildungsarbeit muss kontinuierlich und nach festem Lehrplan erfolgen. Eine Aufteilung in Altersgruppen und auch nach Geschlechtern macht durchaus Sinn, um die Inhalte verständlich für jede Altersgruppe und die Geschlechter vorbereiten und vermitteln zu können. Ausfälle bei den Vorträgen und Seminaren müssen auf jeden Fall verhindert werden.

Der Jugend-Imam ist immer als erster Ansprechpartner für die Jugendlichen präsent. Er betreut sie in einem außergewöhnlichen Rahmen, als Autorität aber auch als „großer Bruder“. Auch für anonyme Anfragen über das Telefon muss der Jugend-Imam verfügbar sein. Eine Ausbildung diesbezüglich sollte in Verbindung mit den kirchlichen Trägern für Seelsorge vorgenommen worden sein. Es reicht bereits, dass der Jugend-Imam verfügbar ist und den Jugendlichen bei ihren Problemen zuhört. Lösungsansätze müssen immer ganzheitlich gedacht werden. Es sollte also Jemand mit viel Lebenserfahrung sein, der nicht nur theoretisch, sondern praktische Erfahrung mitbringt und weiß, wo er Jemanden unterstützen kann, und auch mit wem. Der Jugend-Imam sollte ein großes Netzwerk haben, das weit über das der muslimischen Community hin zu Behörden und Organisationen der Jugendarbeit reicht.

Eines der weiteren und größeren Probleme unserer heutigen Zeit ist die Herausforderung von Ausbildung und Studium für Jugendliche. Oftmals wissen diese Jugendlichen nicht, an wen sie sich wenden sollen. Selbst in gut ausgebildeten Jugendorganisationen fehlt es oft an Experten und Betreuern. Hier muss der Jugend-Imam nicht nur Ansprechpartner sondern auch Vermittler sein. Er muss genau wissen, welche Personen weiterhelfen können, oder selbst in der Lage sein den Jugendlichen bei der Karriereplanung zu helfen. Wenn jemand schon in der Schule Probleme hat, dann muss der Jugend-Imam auch hier in der Lage sein einzuschreiten und Hilfe für den Jungen zu organisieren. Der Jugend-Imam ist in diesem Bereich auch Organisator. Messen- und Besuche von BIZ und Co. sollten für den Jugend-Imam kein Problem darstellen.

Der Jugend-Imam muss integrativ arbeiten

Das sind drei wesentliche Bereiche, die von einem Jugend-Imam kontinuierlich betreut und überarbeitet werden müssen. Es fehlt an solchen Personen derzeit in vielen Städten. Für Hamburg würde ein solches Konzept bedeuten, dass ein Jugend-Imam jeweils 5 Gemeinden betreut. Er besucht in der Woche jede einzelne Gemeinde einmal und hält jeweils einmal die Woche ein bis zwei Vorträge in einem jugendlokal oder in der Moschee. Das Ziel ist dabei die Bildung der Jugendlichen zu festen Zeiten. Außerdem entsteht ein erster und echter Kontakt zueinander, der fern von der „virtuellen“ Welt auch zu Begegnungen von Jugendlichen und Imam führt.

Der Imam baut sich im Idealfall ein Netzwerk in den Gemeinden auf. Je länger er aktiv ist, desto länger und öfter kommt er mit unterschiedlichsten Jugendlichen zusammen. Ein Ausschluss von Jugendlichen aus bestimmten Gruppen darf nicht stattfinden, der Imam muss integrativ, gerade gegenüber „verloren“ geglaubten Jugendlichen arbeiten. Der Imam muss theologisch in der Lage sein, mit allen Gruppen auf die „beste Art und Weise“ zu streiten und Argumenten von radikalen Extremisten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das Konzept des Jugend-Imams sieht den Imam ausschließlich in dieser Rolle vor. Die anderen Imame in den Gemeinden gehen ihrer normalen Arbeit nach. Der Jugend-Imam bietet sich aber an und ist vor allem derjenige der sich um die Jugendlichen und ihre Probleme kümmern soll.

Idealerweise hält der Imam seine Vorträge, die Statistiken und vor allem die Probleme der Jugendliche in Aufzeichnungen fest. Diese Aufzeichnungen können idealerweise für Auswertungen genutzt werden, um auch für gängige Fragen und Probleme eine standardisierte Antwort in Form einer allgemeinen „Fatwa“ zu erstellen. Seine seelsorgerische Tätigkeit muss in allen Bereichen stattfinden. Dazu zählen nicht nur Krankenbesuche, Besuche bei Trauer und Tod, sondern auch die klare Ansage an die Jugendlichen, dass man da ist, wenn sie Hilfe brauchen. Ein Problem unserer Zeit ist, dass die Jugendlichen nach Autoritätspersonen suchen, diese aber weder in den „fremden“ Imamen in den Gemeinden finden, noch in den Jugendlichen, die ihre Arbeit in den Organisationen tun. Stattdessen sind sie schnell im Netz und damit auch schnell bei den falschen Akteuren. Es braucht wenigstens einen Jugend-Imam der in der Betreuung und Reichweite so groß ist, dass er die ständige Arbeit in den Gemeinschaften und Gemeinden exzellent ergänzt.

Anforderungen an den Jugend-Imam und seine Finanzierung

Das bedeutet aber auch, dass der Jugend-Imam nicht irgendjemand sein darf. Sein Mindestalter sollte 30 Jahre betragen, er sollte verheiratet sein, seine Frau am besten auch in seinem Bereich aktiv sein. Der Jugend-Imam sollte Theologie und falls möglich eine weitere akademische Disziplin studiert haben. Beispielsweise ist eine Mischung wie Theologie + Psychologie oder Sozialpädagogik durchaus ideal. Der Jugend-Imam sollte Reisefreudig sein, er sollte schlechte Angewohnheiten wie Rauchen oder ähnliches unterlassen. Seine Aussprache und seine Rhetorik müssen fein sein. Ein Jugend-Imam der gebrochen Deutsch oder mit „Akzent“ spricht ist von vornherein ungeeignet. Idealerweise hat der Jugend-Imam auch ein äußerlich sehr gutes Erscheinungsbild. Er muss auf seine Kleidung achten und darf sich vor allem in keine „Grabenkämpfe“ oder Diskussionen hineinziehen lassen. Er muss dort hart sein, wo es nötig ist und zu den Jugendlichen so sanft und fair, dass diese sich geborgen, geschützt und vor allem ernstgenommen fühlen.

Seine Dienstzeit darf nicht länger als 15 Jahre dauern. Während seiner Tätigkeit kann der Jugend-Imam selbst Helfer in den Bereichen ausbilden. Seine Aufgabe ist aber primär die Bildung, Seelsorge und das Mentoring der Jugendlichen. Die Finanzierung eines Jugend-Imams stellt die Gemeinden weiterhin vor Probleme. Außerdem fehlt es, trotz erster Uni-Absolventen, an fähigen Persönlichkeiten. Die Idee ist einerseits die Ausbildung von Jugendlichen zu fördern (z.B. über Stipendien) aber auch neue Sponsoring-Programme auf die Beine zu stellen. Auch eine interne Ausbildung in den Gemeinschaften ist denkbar. Im Idealfall verdient ein Imam solcher Klasse 2.000 – 3.000 € (netto). Das ist ein Happen Geld. Fördermittel aus dem Bund könnten beantragt werden, wenn die präventive Arbeit in den Vordergrund gestellt und die Konzeption ausdrücklich vorgenommen würde.

Möglich sind aber auch Partnerschaften. Bereits jetzt gibt es in vielen Städten Initiativen und Organisationen die präventive Arbeit im Bereich der Extremismusprävention unterstützen oder selbst durchführen. Einige Träger könnten einer solchen Idee nicht abgeneigt sein und Fördermittel bereitstellen. Finanzierungsquellen können aber auch die Jugendlichen selbst sein. Insgesamt ist die Investition ein großer Bereich im Topf für Jugendarbeit. Staatliche Fördermittel, besser Spenden aus der Gemeinde, könnten ein solches Vorhaben erst realisieren. Die Gemeinschaften selbst sind aus meiner Sicht kaum dazu in der Lage. Es gibt aber Sonderfälle. In Hamburg und Bremen sind die Schura, die DITIB und die VIKZ als Religionsgemeinschaften anerkannt. Statt Fördermittel für Präventionsarbeiten bei Projekten im Sande laufenzulassen, könnten mit Fördergeldern Imame eingestellt und diese wichtige Lücke geschlossen werden. Es ist eine Anregung.

Anmerkungen von meiner Seite – Bitte um Meinungen, Diskussion und Verbreitung

Ich betone, dass diese Ausführungen bisher nur Gedankenspiele und rein theoretischer Natur sind. Ich muss das Konzept nicht komplett schreiben und auch nicht zu Ende denken, ich will hier einen Denkanstoß für eine existente und problematische Situation und ihre mögliche Überwältigung und Lösung geben. Zurzeit ist die Jugendarbeit in allen Gemeinschaften in einem Stadium der Stagnation festgefahren. Das liegt mitunter an der neuen Konkurrenz, die vor allem theologisch aber auch ideologisch die Jugendlichen kaputt macht. Es fehlt an einem Selbstwertgefühl und es fehlt an Personen, die dieses Selbstwertgefühl wieder stärken können.

Meine Idee zur Lösung dieser Krise steht zur Disposition. Ich freue mich über Feedback. Man darf diese Idee gerne verbessern und umschreiben. Ich würde mich natürlich über eine Nennung und Diskussion strittiger Punkte freuen. Aber meine gegenwärtige Verpflichtung ist einen Denkanstoß, den jeder hätte leisten können, öffentlich zu teilen. Ich mache mir damit keine neuen Freunde und Feinde. Es ist eine Idee, um den wachsenden Einfluss einer falschen Islam-Hörigkeit einen Riegel vorzuschieben. Die Verantwortung gegenüber der Jugend muss heute ergriffen werden.

Ich für meinen Teil werde das tun, was ich für richtig halte. Egal, ob ich in einer Gemeinde und Organisation arbeite oder nicht. Das hindert mich schließlich nicht Projekte und Ideen auszuarbeiten, die dem Gemeinwohl dienen sollen und können. Anders als früher werden die Ideen aber nicht einfach so totgeschwiegen und von anderen präsentiert. Sie sind öffentlich. Sie sind Ideen, die geteilt, verbreitet und umgesetzt werden können. Von allen. Jederzeit. Ohne Bedingungen und Grenzen. Lieben Dank.

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