MedienMonster

Es liegt mir fern jungen Journalisten irgend etwas unterstellen oder ihnen Steine in den Weg legen zu wollen. Erst recht, wenn es sich um „muslimische“ Journalisten handelt. Ich halte nix davon dieses Label zu benutzen und diese Journalisten öffentlich anzugreifen. Sie haben es im Medienbetrieb schon oft schwer genug. Aber manchmal muss man Ausnahmen machen. Vor allem dann, wenn ich als normaler Leser Verbindungen bemerke, die im Artikel nicht kenntlich gemacht werden. Mein heutiger Diss geht deshalb in die Richtung der „linksliberalen“ taz und die junge Journalistin Dunja Ramadan für den Beitrag „Neun Muslime über Rechtspopulismus: Weg hier? Und wenn ja, wohin?„.

Der Beitrag ist ein Paradebeispiel dafür, warum man die Sorgfaltspflicht nicht vernachlässigen und vor allem persönliche Beziehungen immer bei Artikeln hinterfragen sollte. Wenn man den Beitrag liest, gibt es auf den ersten Blick inhaltlich nichts auszusetzen und schon gar nicht zu beanstanden. Die Journalistin hat die Damen und Herren zu ihrer Meinung befragt und diese Meinung festgehalten. Was aber nicht offensichtlich ist und auch nicht jedem Leser klar sein dürfte ist die Tatsache, dass mehrere der Interviewten, genauso wie die Autorin selbst, im Netzwerk der „Jungen Islam Konferenz (JIK)“ aktiv sind bzw. waren.

Gatekeeper-Journalismus auch bei der taz?

Ich kenne es noch von meiner Zeit als Funktionär einer umstrittenen islamischen Religionsgemeinschaft. Unsere Leute wurden bei Interviews übergangen und ihre Meinung, die repräsentativer war, wurde oft umgangen und ignoriert. Die Vorgaben machten die Redaktionen. Oft wurden auch Interviews geführt, die aber nie veröffentlicht wurden. Positives Image-Setting geschweige denn einmal richtig zu Wort kommen, war so gut wie nie möglich in den „Qualitätsmedien“. Eine ähnliche Erfahrung habe ich später auch als Content-Manager und Journalist machen dürfen. Es stellt sich die Frage, ob es bei der taz auch so läuft, dass bestimmte Stimmen nicht zu Wort kommen sollen.

In dem nun kritisierten Artikel ist an keiner Stelle der Hinweis angegeben, das es sich bei den Interviewten um Peers oder ehemalige Mitglieder aus der JIK handelt. Dabei wird auch nicht klar, dass sich Autorin und Interviewte anscheinend auch schon länger kennen und sogar zusammengearbeitet haben dürften. Woher ich das weiß? Ich habe in den vergangenen Jahren, seit Beginn der Jungen Islam Konferenz auf Bundes- und Landesebenen immer jeden Jahrgang beobachtet und hin und wieder auch kritisch zu den Konferenzen berichtet. Dabei habe ich mir auch immer wieder die Teilnehmerlisten angesehen. Beim Lesen des jetzt beanstandeten Artikels kamen mir deshalb gleich so viele Namen bekannt vor.

JIK-Verbindungen sind ziemlich deutlich

Eine kleine Recherche zeigt das Problem schnell auf. Die Autorin Dunja Ramadan war im Jahr 2013 bei der Bundeskonferenz dabei und gehörte übrigens zu den ausgesuchten Leuten, die damals auf Bundespräsident Joachim Gauck trafen. Ozan Keskinkilic war Teilnehmer der JIK Berlin. Mehdi Chahrour gehörte zu den Teilnehmern der Bundeskonferenz im Jahr 2012. Tugba Uyanik gehörte zu den Teilnehmern der Bundeskonferenz im Jahr 2013, ebenso wie auch Yavuz (Anil) Dogan. Das sind bereits die Hälfte aller in dem Beitrag genannten Personen. Wenn man berücksichtigt, dass zwei Personen herausfallen, weil sie anscheinend nichts mit der JIK zu tun hatten, bleiben immer noch drei Personen übrig, die nicht mit vollem Namen genannt werden und bei denen die mögliche Verbindung zur JIK nicht ersichtlich ist.

Die echte Problematik entsteht hierbei in dem Charakter der Jungen Islam Konferenz. Die JIK versteht sich als eine Debattier- und Dialogplattform. Das ganze Projekt wird von der Mercator Stiftung finanziell gefördert und versteht sich auch als Netzwerk. Die Teilnehmer einer Bundes-JIK oder JIK auf Landesebene bleiben vernetzt und versuchen sich auch gegenseitig zu unterstützen. Wenn Dunja Ramadan also in einem Beitrag Interviews mit Teilnehmern führt, mit denen sie auf anderer Ebene zu tun hatte, dann ist das sehr fragwürdig und stellt auch die Frage, ob man so Journalismus betreiben kann. Hinzu kommt auch die Frage, wie die Auswahl für die Interviews vorgenommen wurde und ob eine bewusste Bevorzugung vorhanden war.

Offene Fragen werden bleiben!

Es bilden sich natürlich weitere Fragen. Hat es Vorgaben aus der Redaktion gegeben z.B. Muslime und junge Muslime aus Verbänden von der Berichterstattung auszuschließen? Warum wurden gerade diese im Artikel aufgeführten Personen interviewt? Welchen Ausschlag haben die persönlichen Beziehungen zwischen Autorin und Interviewten gespielt? Hat es gar eine fördernde Wirkung, wenn man Muslime aus dem eigenen Kreis bevorzugt? Wusste die Redaktionsleitung über diese nun aufgezeigte Vernetzung und diesen Zusammenhang bescheid? Haben die Teilnehmer der JIK auch Vorgaben zur Meinungsbildung in Medien? Welchen Einfluss auf die Wortwahl hat die JIK selbst gehabt?

Das sind Fragen, auf die man keine Antwort erhalten wird. Auch deshalb nicht, weil solche Fälle Redaktionen entweder zu peinlich sind, oder einfache Blog-Einträge gerne und absichtlich ignoriert werden. Es geht mir auch nicht um Skandalisierung, sondern um Offenlegung. Wenn ich als Leser den Eindruck habe, da sind ganz normale Jugendliche am Werk und erzählen was über ihre Gefühle, dann werde ich betrogen. Es wäre zwar spannend zu wissen, was da genau los war. Interessant wäre es aber auch zu wissen, ob Dunja Ramadan immer noch als Peer Aufgaben in den Strukturen der Jungen Islam Konferenz wahrnimmt.

Ich für meinen Teil kann mit offenen Fragen leben. Ich wollte nur mal auf ein paar Dinge aufmerksam machen, damit man nicht jeden Blödsinn wieder gleich teilt und jeden vorgesetzten Text für repräsentativ hält. Das ich mir mit solchen Einsichten und Analysen keine Freunde mache ist mir klar. Aber seien wir mal ehrlich: Das stinkt doch! Und von Transparenz, die ja oft in diesem Medium gefordert wird, ist auch keine Spur zu sehen. Ist aber halt nur meine Meinung. Oder?!

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